#Freitag13: Hochschul-Industrie

Warum haben wir Unis, Hochschulen und ihre Sub-Unternehmer für den Schwarzen Freitag am 13. September 2019 nominiert?

Bildungsstreik 2009, Göttingen
Bildungsstreik 2009, Göttingen (Foto: Niels Flöter, wikicommons)

400.000 studentische Hilfskräfte halten den Betrieb an den deutschen Hochschulen aufrecht – schlecht bezahlt, ausgenutzt, befristet und allermeist ohne Interessenvertretung. Initiativen kämpfen dagegen an – sie brauchen Unterstützung!

Hochschul-Industrie: Schluss mit der Niedriglöhnerei!

Studentische Hilfskräfte werden als Lehrkräfte, als Tutorinnen (die Klausuren korrigieren), in der Forschung, in der Verwaltung von Projekten (inklusive Öffentlichkeitsarbeit, Social Media, Veranstaltungsorga), in Sekretariaten, im IT-Bereich und als ungenannte Hilfs-Rechercheure für ihre ProfessorInnen eingesetzt. Die Arbeitsverträge sind befristet. Kettenbefristungen können bis zu 6 Jahren laufen: Auch dieses Arbeitsunrecht ist verrechtlicht, nicht in einem der vier Hartz-Gesetze, sondern im Wissenschafts-Zeitvertrags-Gesetz. Die tariflich vereinbarten Monatsstunden – höchstens 80 – werden oft überschritten. Meist sind geringere Monatsstunden vorgesehen, die nach Bedarf erhöht werden. Was auf den klassischen Flex-Vertrag hinaus läuft. Bei Erkrankungen über sechs Wochen hinaus, gibt es in der Regel keinen Anspruch auf Krankengeld, da studentische Hilfskräfte keine Abgaben für die Arbeitslosenversicherung leisten müssen (Werkstudierendenprivileg).

Oft arbeiten sie aber auf Werkvertrags- oder Honorarbasis. Während im gewerblichen Betrieb etwa für Arbeit im Sekretariat und IT 18-19 Euro üblich sind, sind es an den Hochschulen ziwschen 12,50 und 15,00 Euro, und vielfach eher noch weniger.1


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Studentische Hilfskräfte: Ausgenommen von Bundes-Arbeitsgesetzen

Die Arbeit der Hilfskräfte ist vergleichbar mit Tätigkeiten in Privatunternehmen.  Zuständig für die Arbeitsbedingungen der studentischen Hilfskräfte ist die Tarifgemeinschaft der Bundesländer. Ihnen unterstehen in „Kulturhoheit“ die Hochschulen. „Hoheit“ bedeutet hier: Niedrigste Standards. In der Richtlinie für die Hilfskräfte sind Höchstsätze für die Stundenlöhne festgelegt.

Vergütungstabelle der Bundesländer, Stand 2018:

  • Hilfskräfte ohne Studienabschluss: Westdeutschland 10,27 Euro / Ost 9,87 Euro
  • Hilfskräfte mit Abschluss Bachelor: Westdeutschland 11,94 Euro / Ost 11,49 Euro

Aber: Die einzelnen Landesregierungen dürfen sich Ausnahmen genehmigen, bis runter zum Mindestlohn, und das tun sie meist auch. Das heißt gegenwärtig: runter auf 9,19 Euro und ab 2020 dann 16 Cent mehr: 9,35 Euro.

Viele Hilfskräfte haben einen Minijob – bis 450 Euro im Monat, andere einen Midijob – bis 850 Euro. Wenn Gewerkschaften in vergleichbaren Branchen etwa auch des öffentlichen Dienstes Tarifverträge mit höheren Löhnen abschließen als den Mindestlohn und mit besseren Arbeitsbedingungen – für die Hochschul-Hilfskräfte gilt das alles nicht.

Außerdem kalkulieren die Finanzmanager der Hochschulen: Studenten haben es immer eilig. Ihr Bologna-Studium ist hochverschult. Außerdem müssen die meisten nebenbei noch arbeiten. Dann wollen sie sich in der Freizeit auch noch vergnügen. Die freuen sich über jeden Job, den sie an der Hochschule selbst kriegen. Und - sie kennen nicht ihre (wenigen) Rechte. Mit denen können wir umspringen.

Erpressbar

Zwei Drittel der Studierenden (68 Prozent) sind auf einen Nebenjob angewiesen. Da ist ein Nebenjob an der Hochschule mehrfach attraktiv: Der hat (hoffentlich) mit dem Studieninhalt zu tun, man ist mit anderen Studierenden oder auch mal mit dem Professor zusammen, und: kein Extraweg!

Das macht aber zugleich erpressbar. Die Niedriglöhne werden hingenommen. Da werden schon mal Überstunden gemacht, wenn es eilig ist, auch wenn sie nicht bezahlt werden. Und wer verklagt notfalls den eigenen Professor oder die eigene Professorin?

Zudem: Die Gründung von Interessenvertretungen ist schwer bis unmöglich. Nur das Landesgesetz von Berlin erlaubt die Bildung eines Personalrats.


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Kostengünstiger Universitätsbetrieb

Die neoliberale Gewinnschinderei hat längst auch die Hochschulen erfasst. Konzerne, auch die Bundeswehr und das US-Pentagon finanzieren Forschungen (deren Ergebnisse geheim bleiben). Konzerne wie Deutsche Bank, die Energie- und Versicherungskonzerne finanzieren allein in Deutschland hunderte von Stiftungs-Lehrstühlen und Institute im Bereich Energie, Finanzen, Materialwirtschaft, Künstliche Intelligenz u.ä. Sie wollen zeit- und ortsnah das wissenschaftliche Potential billig abschöpfen. Das Google-Institut an der Berliner Humboldt-Universität erhält 11,25 Millionen Euro (2019). 2 Konzerne gründen zudem eigene private Hochschulen.

Gleichzeitig soll der Betrieb im unteren Maschinenraum des Wissenschaftsbetriebs möglichst kostengünstig sein. Die billigen und flexiblen Hilfskräfte ersetzen schrittweise ältere, qualifizierte, besser bezahlte, fest angestellte Beschäftigte, z.B. Sekretariatsmitarbeiter*innen und IT-Fachkräfte. Die 400.000 studentischen Hilfskräfte wickeln die vielen Alltags-Tätigkeiten ab, die von den nur 45.000 vielbeschäftigten ProfessorInnen auf sie abgewälzt werden.

Eine Etage höher: Die wissenschaftlichen Hilfskräfte

Wegen der geringen Zahl der Professorenstellen wird in der neoliberalen Massenhochschule auch ein Teil der Lehre an Billigheimer übertragen. Traditionell sind das die Lehrbeauftragten. 2007 waren das allein an den Berliner Hochschulen 4.000. Sie sind „bienenfleißige Wanderarbeiter, die das Seminarangebot sichern... Die meisten leben auf Hartz IV-Niveau.“3

Zunehmend wird diese traditionelle wissenschaftliche Reservearmee durch einen neuen Typ ersetzt. Die etwa 40.000 wissenschaftlichen Hilfskräfte bestreiten einen wachsenden Teil der Lehre: Vorlesungen, Seminare, Hausarbeitsbetreuung, Prüfungen.

Die wissenschaftlichen Hilfskräfte haben die erste Stufe als Bachelor hinter sich. Sie sind zum Master-Studium zugelassen. Trotz ihrer Vorbildung haben Sie den arbeitsrechtlichen Status als Hilfskraft. So können sie wieder bis zu sechs Jahre lang mit Kettenbefristung arbeiten.

Sie warten im Prinzip darauf, dass sie endlich eine feste Professur bekommen. Oder sie bekommen sie meist auch nicht: Nur eine(r) von drei bis vieren erreicht dieses Ziel. So ist auch die Tätigkeit in der nächsthöheren Etage des wissenschaftlichen Maschinenraums eine höchst stressige Angelegenheit.

Qualität des Studiums?

Prekäre Hilfskräfte halten die Massen-Hochschule in Betrieb. Die Qualität des Studiums für die Mehrheit der Bachelor-Schnellbleiche ist eng umrissen: Der Status als akademische Wissenschaft bringt ein bisschen Glanz und Fertigkeit für den mittleren Maschinenraum in Unternehmen und Verwaltungen. Aber viel Nachdenken und Analysefähigkeit ist nicht nötig, auch nicht erwünscht.

Erwünscht ist fixes Umsetzen von Vorgaben. Individuelles, egoistisches Sich-Durchkämpfen wird gefördert, gewerkschaftliche oder ähnliche Kollektivität oder Interessenvertretung gilt als unfein, nicht standesgemäß.

Über den Bachelors stehen in Konzernen, Organisationen und Verwaltungen ohnehin zunehmend die neuen Privilegierten mit Elite-Status. Sie werden in den Spitzen-Institute und -Projekte der staatlich ausgesiebten Exzellenz-Universitäten herangezogen. Da fließen die Millionen hin. Da sind hochbezahlte Stipendien vergeben. Das Studium wird an den elitären Business Schools nach US-Vorbild und an kleinen feinen Privatuniversitäten ohne Massenbetrieb absolviert, wo die Semestergebühr einige Tausend Euro kostet. Und auch da – im unteren Maschinenraum quälen sich auch hier tausende NiedriglöhnerInnen.


29.05.1968: Streik an der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) gegen die Notstandsgesetzgebung

Streiken nützt! Mehr davon!

Wenn der Betrieb der Hochschulen schon so abhängig geworden ist von den immer mehr Hilfskräften, dann haben die auch eine wachsende Macht, eigentlich. Man muss sich nur zusammentun.

Der große Streik an der Berliner Hochschulen im Jahre 2018, auch unterstützt von der Bildungsgewerkschaft GEW, hatte Erfolg. Die zeitlich unbegrenzte Besetzung des Audimax der TU Berlin gehörte zu den Maßnahmen. „Revolution first, studies second – Streik jetzt“ und „Lernfabriken meutern“ und „Mitbestimmung statt Ausbeutung“ waren die Parolen.4

Wobei heute ein Erfolg noch nicht unbedingt ein großer Erfolg ist. Jedenfalls: Der Stundenlohn wurde laut Tarifvertrag von 10,98 Euro auf 12,30 Euro erhöht. Ab Juli 2019 steigt er nochmal um 20 Cent (!) auf 12,50 Euro. Ab Januar 2021 wird er 12,68 Euro betragen und ab Januar 2022 sogar 12,96 Euro. Dazu kommt ein Urlaubsanspruch von 30 Tagen, das Krankengeld wird nicht nur 6 Wochen lang bezahlt wie bisher, sondern 10. Das sind heute Erfolge. Auch um 20 Cent Lohnerhöhung muss gekämpft werden.


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Quellen / Fußnoten

1 Die Darstellung folgt weitgehend dem Report der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): Studentische und wissenschaftliche Hilfskräfte an Hochschulen. Ein Ratgeber, 3. Auflage 2018

2 Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Köln 2018, S. 172f.

4 Studierende besetzen Audimax der TU Berlin, Der Tagesspiegel, 14.6.2018


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